Neerstedt. Der TV Neerstedt gewinnt ein dramatisches Oberliga-Spiel gegen die HSG Delmenhorst knapp mit 29:28 (13:12). HSG-Trainer Andre Haake hadert mit der schlechten Wurfquote seines Teams, zu der auch fünf vergebene Siebenmeter zählen.

Spielertrainer Andre Haake nahm konsterniert auf der Bank Platz, Spielmacher Fino Oetken schüttelte nur mit dem Kopf und der Blick der anderen Mannschaftskollegen ging regungslos ins Leere: Das Oberliga-Derby zwischen dem TV Neerstedt und der HSG Delmenhorst war noch gar nicht zu Ende, es waren bei einem Ein-Tor-Rückstand der Gäste noch fünf Sekunden zu spielen, da machte sich auf der Bank der HSG große Resignation breit.

Denn mit ihrem letzten Angriff hatten die Gäste zehn Sekunden vor Spielende die große Chance vertan, im Nachbarduell einen womöglich wertvollen und verdienten Punkt im Abstiegskampf zu ergattern. Doch kurz vor Schluss scheiterte Niclas Schanthöfer mit einer Großchance von Linksaußen an Neerstedts Torhüter Hendrik Legler. 28:29 (12:13) statt 29:29 – während die TVN-Akteure nach einer packenden Partie jubelnd „Derbysieger, Derbysieger, hey, hey“, skandierten, blickten die HSG-Spieler frustriert ins Leere, um sich dann bei ihren zahlreichen mitgereisten Fans für die Unterstützung zu bedanken. Dass die Konkurrenten im Abstiegskampf ebenfalls alle verloren und sich an der Situation im Tabellenkeller für den Drittletzten nichts geändert hatte, konnte den Ärger im HSG-Lager nicht lindern. Im Gegenteil.

„Die Enttäuschung ist riesengroß. Wir haben ein klasse Spiel gemacht, vor allem in der ersten Halbzeit“, sagte HSG-Spielertrainer Andre Haake und meinte: „Neerstedt kann sich glücklich schätzen, gewonnen zu haben.“ Es war eine Einschätzung, die TVN-Trainer Jörg Rademacher teilte, als er nach dem Sieg über seine zukünftige Mannschaft feststellte: „Es war eine sehr ausgeglichene Partie. Wir hatten in der ersten Hälfte Probleme, danach war’s besser. Am Ende war unser Sieg glücklich.“

Torwart Hendrik Legler und Shooter Eike Kolpack ragen bei Neerstedt heraus
Ihren Sieg in dieser engen Partie hatten die Gastgeber vor allem zwei Spielern zu verdanken, die auf ihren Positionen zum besten gehören, was die Oberliga Nordsee dort zu bieten hat: Torwart Hendrik Legeler und der halblinke Eike Kolpack. Sowohl Rademacher als auch Haake waren sich einig darüber, wie der TVN-Schlussmann gespielt habe: „überragend“. Legler hielt nicht nur den entscheidenden Wurf von Schanthöfer klasse, sondern parierte zwischen der 18. Minute und 45. Minute gleich fünf (von insgesamt sieben) Siebenmetern der Gäste. Dank vieler weiterer Paraden gewann Legler das Duell gegen die HSG-Torhüter Mirko Lettmann und Olaf Sawicki deutlich.

Ein weiterer Faktor für den Neerstedter Sieg war einmal mehr Rückraumspieler Kolpack. Nach anfänglichen Problemen kam der Shooter immer besser in Schwung, warf neun astreine Feldtore und verwandelte alle seine fünf Siebenmeter mit schon fast stoischer Ruhe. „Eike hat uns auf die Siegerstraße geworfen“, lobte Rademacher. Und Haake räumte ein, dass Kolpack mit seiner Klasse „teilweise einfach gar nicht zu verteidigen ist. Er kann ruhig häufiger treffen, dafür müssen wir die anderen Spieler besser in den Griff bekommen.“ So spielten etwa Mittelmann Andrej Kunz und der Halbrechte Björn Wolken unter Normalform, warfen aber trotzdem jeder vier Tore.

350 Zuschauer sehen wildes und packendes Oberliga-Derby
Das Derby war vor mehr als 350 Zuschauer in der vollen Halle am Sportplatz nichts für Handball-Feinschmecker. Es war kein hochklassiges und ein teilweise wildes Spiel, dafür ein hochdramatisches und packendes Duell, in dem Kampf und Krampf, Einsatz und Leidenschaft dominierten und beide Fanlager am Ende für eine prickelnde Atmosphäre sorgten.

Die Anfangsphase war zäh und zerfahren. Ein technischer Fehler reihte sich an den anderen, Spielfluss kam auf beiden Seiten nicht zustande. Die besseren Ideen hatte zunächst Delmenhorst, das lange Zeit mit drei Toren führte (9:6, 10:7, 11:8), um zur Pause doch mit 12:13 in Rückstand zu liegen. „Zur Halbzeit müssen wir eigentlich führen“, haderte Andre Haake mit der schwachen Wurfquote seiner Mannschaft. Nicht nur bei den Siebenmetern, vor allem auch von außen. „Das war fahrlässig, viel zu unkonzentriert“, monierte er und sagte mit Blick auf das Gesamtergebnis: „Dass wir Neerstedt unter 30 Tore halten, ist super. Aber wir müssen selbst auch weit mehr als 30 Tore werfen.“ TVN-Coach Jörg Rademacher blieb an der Seitenlinie trotz der Rückstände zu Beginn des Spiel relativ gelassen. „Wir haben immer unsere schlechten Phasen. Aber da zieht sich die Mannschaft wieder raus.“

Im zweiten Durchgang führte Neerstedt bis auf das 19:19 des sehr starken HSG-Halblinken Jörn Janßen (12/2 Tore) immer. Beim 28:24 durch Kolpack nach 55:20 Minuten schien der Sieg für den TVN schon eingetütet – auch, weil bei Delmenhorst einige erst im zweiten Durchgang eingewechselte Spieler relativ wirkungslos blieben. Doch entschieden war die Begegnung dennoch nicht.
Schanthöfer vergibt, Legler pariert

Haake und sein Trainer-Kollege Wolfgang Rohlfs stellten auf eine offensive 4:2-Deckung um. Die HSG zeigte Kampfgeist und Moral. Nach dem 28:29 durch Schanthöfer nach 57:58 Minuten war die HSG wieder im Spiel. Für seinen letzten Angriff hatte Delmenhorst dann 45 Sekunden Zeit. Erst im Sechs gegen Sechs, dann in Überzahl. Als Schanthöfer dann auf Linksaußen freigespielt wurde, hatten die HSG-Fans den Jubel schon auf den Lippen. Doch Legler parierte – und der Rest bei den Gästen war Frust pur.

Quelle: dk-online.de